Der norwegische Autor

Der norwegische Autor
Quelle: http://bit.ly/1kaDaSM

Sonntag, 29. Juni 2014

In der Schule des erwachenden Lebens

Im vierten Band LEBEN des monumentalen Romanprojekts Min Kamp von Karl Ove Knausgård fokussiert er aus der Warte des 40-Jährigen vor allem auf das Jahr, das der Autor nach seinem Abitur als 18-Jähriger im nordnorwegischen Fischerdorf Håfjord verbracht hat. Er wurde damals – wie es Brauch war, da die Lehrerinnen und Lehrer Nordnorwegen offensichtlich meiden – als Hilfslehrer angestellt; weil er wusste, dass er nicht studieren würde, sondern Schriftsteller werden wollte, entschloss er sich für diesen Aufenthalt, der zu einem eigentlichen Jahr des Erwachens ins ersehnte Leben hinein werden sollte: „Ich war gekommen, um Ruhe zum Schreiben zu finden“, schreibt er zwar – im Grunde treibt ihn aber „eine geradezu wilde Sehnsucht nach Leben: danach, diesem Dasein zu entkommen, danach, das Leben dort zu suchen, wo es wirklich gelebt wurde, in Grossstadtstrassen, unter Wolkenkratzern, auf glitzernden Festen mit schönen Menschen in fremden Wohnungen. Danach, der grossen Liebe und all dem, was damit verbunden war, zu begegnen – und dann die Einwilligung, die Erlösung, die Ekstase.“

Der junge Mann, dessen pädagogische Kompetenz sich aus keiner theoretischen Quelle genährt, durch kein Praktikum gestützt weiss, der von einem Tag auf den anderen völlig unvorbereitet vor pubertierenden Kindern steht und sie unterrichten soll in den Fächern Norwegisch, Englisch, Mathematik und Religion – er verlässt sich voll und ganz auf seine Intuition und auf den einen oder anderen Ratschlag, den er von erfahrenen Lehrkräften erhält. Sein grösstes Problem besteht im Ausbalancieren von Nähe und Distanz zu den ihm anvertrauten Jugendlichen, insbesondere zu den Mädchen; instinktiv weiss er, dass er niemanden berühren darf, auch wenn er die Verlockungen des Weiblichen durchaus spürt. Intuitiv „wählt“ er auch eine Didaktik, die sehr modern ist heutzutage: Er lässt die Schülerinnen und Schüler von 1987 machen und unterstützt sie da, wo sie nicht selber mehr weiterkommen. 
„Ich werde bezahlt, euch zu unterrichten, sagte ich. Aber nicht immer steht ein Lehrer vor euch und erzählt euch, was ihr wissen müsst. Also, was macht ihr dann? Ihr müsst lernen, wie man bestimmte Dinge herausfinden kann. Nicht wahr? Schlagt in euren Büchern nach. Nehmt ein Lexikon.“

Genau so, wie seine Schülerinnen und Schüler sich ihr Wissen und Können selber aneignen müssen, versucht auch Karl Ove Knausgård die Schritte, welche der Tanz des Lebens erfordert, selber herauszufinden. Im Wesentlichen hat er zwei Ziele: Schriftsteller zu werden und mit einer Frau zu schlafen. Das Jahr in Nordnorwegen bringt ihn zwar oft arg ins Stolpern, jedoch letztlich beiden näher: Er schreibt erste Texte, meldet sich an der Akademie für Literarisches Schreiben in Bergen an, die ihn annimmt – und kommt unverhofft doch noch zu seinem "ersten Mal", allerdings erst kurz nach seiner Rückkehr. Auch auf ihn trifft diesbezüglich zu, was Kafka einst notiert hat: „Wer sucht, der findet nicht. Wer nicht sucht, wird gefunden.“

Erneut beeindruckt, wie ungeschminkt und wahrhaftig KOK über sich schreibt, wie organisch er jedoch auch das Ganze des Textes (und damit sei beides gemeint: der einzelne Band und das sechsbändige Projekt insgesamt) organisiert, besser: gestaltet. Zum Beispiel zeigt sich, dass die Reflexionen über das Leben und das Schreiben dem Alter des Erzähl-Ichs entsprechen, dass sich also mehr Reflexives findet im 2. Band (LIEBEN) als im dritten (SPIELEN), zum Beispiel, und mehr im ersten (STERBEN) als im hier vorgestellten vierten. Zwar ist es der 40-jährige Knausgård, der das ganze Projekt in Angriff nimmt, aber dieser Autor vermag es, sich ganz und gar in die Jahre seines Lebens, die er in den je einzelnen Bänden erzählt, zu versetzen und von diesem Kind oder diesem Jugendlichen aus zu schreiben:
"Merkwürdig, wie nah es mir war. Als würde ich eine Tür dorthin öffnen, wenn ich mich an die Schreibmaschine setzte. Die ganze Landschaft stieg in mir auf und verdrängte alles um mich herum. ... Klingelte jemand an der Tür, dann erschrak ich dermassen, dass ich auf dem Stuhl zusammenzuckte. Dann hatte ich nicht das Gefühl, als wäre die Landschaft meiner Kindheit in meine Gegenwart eingedrungen, sondern umgekehrt - eigentlich sass ich in der Landschaft meiner Kindheit, und die Gegenwart drang von aussen in sie ein. (...) Danach sehnte ich mich. Als die Bäume noch Bäume waren, nicht "Bäume", die Autos Autos, nicht "Autos" und Vater Vater und nicht "Vater"."
Darum geht es: Um diesen Abstand zwischen dem Baum und dem "Baum", dem Einmaligen und dem Konventionellen, dem Phänomen und dem Begriff, der Sache und dem Wort, dem unverfügbar Individuellen und dem konventionell sozial Verfügbaren. 
Vielleicht ist Knausgårds breit angelegter Roman letztlich ein Versuch, die verlorenen Augenblicke wieder zu holen (denn wiederholen kann er sie nicht), das Vergangene im gestalteten Text auferstehen und weiterleben zu lassen? Dem, was als Leben einfach so gewesen ist, wie es gewesen und ein für allemal verloren ist, Gestalt zu geben in einem grossartigen, bewegenden und sprachlich wunderbar komponierten Roman? Denn: "Ich hatte nur eine Welt, und über die musste ich schreiben."

Ein Gespräch vom 20. 7 2014 mit dem Übersetzer zu diesem Buch findet sich hier.

Sonntag, 22. Juni 2014

Was für ein Autor! Was für ein Mensch!

Natürlich lese ich nach wie vor und immer noch und immer wieder und immer weiter im grossen Roman Knausgårds. Momentan stehe ich auf S. 180 im dritten Band, den er (?) betitelt hat mit Spielen.
Als ich vor drei Monaten eine Rezension zu den ersten beiden Bänden verfasste, habe ich mich fast prophetisch verschrieben und dem dritten Band den Titel Leben gegeben – Heute lese ich, dass der vierte, der eben herausgekommen ist, tatsächlich diesen Titel trägt. Was sagt man dazu....?
Natürlich werde ich mir morgen sogleich das Buch holen – erst recht nach der Lektüre des eindrücklichen Interviews, das im Feuilleton der WELT erschienen ist. Auszüge:
Die Welt: Warum erzählen Sie in der ersten Person? Eine radikale Entscheidung. 
Knausgård: Ja, aber ich habe mein Vertrauen in die Fiktion verloren. Ich las Tagebücher. Aber das wollte ich nicht schreiben, sondern einen Roman, eine dramatisierte Geschichte. Und dabei so authentisch wie möglich sein. Erst später las ich das Manifest "Reality Hunger" von David Shields und sah eine Menge Ähnlichkeiten. Ich habe einfach ein Verlangen nach Wirklichkeit. Diesmal wollte ich nicht in irgendein Außen gehen, es sollte nach Innen gehen. Kein Eskapismus mehr. Ich wollte der Welt begegnen, wie sie ist.“
(...)
Es geht im Leben vor allem um triviale Dinge. Ich wollte wissen, wie weit ich mit den Details gehen kann, bevor es unlesbar wird. Wie es ist, ein Mann zu sein und ein Vater. Diese Art von Beschreibung habe ich aus männlicher Sicht selten gelesen. Von Frauen schon. Es geht mir aber auch um eine materielle Welt an sich, die zunehmend in der Virtualität verschwindet.“
(...)
Es war meine Absicht, an den Punkt kommen, wo es nichts mehr zu erzählen gibt. Es gibt eine Regel für Schriftsteller, nie über den eigenen Hauptkonflikt zu schreiben, weil man es damit verdirbt. Ich wusste von Beginn an, der letzte Band musste mit dem Satz enden: "Ich bin so glücklich, dass ich kein Autor mehr bin." Ein schriftstellerischer Selbstmord statt eines wirklichen, das war der Plan. Und jetzt?“