Der norwegische Autor

Der norwegische Autor
Quelle: http://bit.ly/1kaDaSM

Samstag, 12. April 2014

Was ist der Tod? Vom Sagen des Unsagbaren

Knausgårds erster Band seines sechsbändigen Lebensromans handelt hauptsächlich von dem, was der (deutsche) Titel sagt: vom Sterben. Vom elenden Tod seines Vaters, von Knausgårds schwierigem Verhältnis zu ihm, von seinem Trauern um ihn. Weinend mäht er den Rasen um Grossmutters Haus, in welchem sein Vater die letzten Lebensjahre im Alkoholrausch verbracht hat, tränenüberströmt versucht er, zusammen mit seinem Bruder Yngve, den Müll, den Schmutz, den Kot aus dem Haus wegzuräumen und alles zu putzen – denn er will das Leichenmahl hier stattfinden lassen, um so seinem Vater etwas von dem zurückzugeben, das dieser gegen Ende des Lebens verloren hat: Würde.
Der Roman beginnt so:
Für das Herz ist das Leben einfach: Es schlägt, solange es kann. Dann stoppt es. Früher oder später, an dem einen oder anderen Tag, hört seine stampfende Bewegung ganz von alleine auf, und das Blut fliesst zum niedrigsten Punkt des Körpers, wo es sich in einer kleinen Lache sammelt, ...“

Die letzten Sätze (auf Seite 575) lauten wie folgt:
Denn der Mensch ist nur eine Form unter anderen Formen, die von der Welt immer und immer wieder hervorgebracht werden, nicht nur in allem, was lebt, sondern auch in dem, was, gezeichnet in Sand, Stein, Wasser, nicht lebt. Und der Tod, den ich stets als die wichtigste Grösse im Leben betrachtet hatte, dunkel, anziehend, war nicht mehr als ein Rohr, das platzt, ein Ast, der im Wind bricht, eine Jacke, die von einem Kleiderbügel rutscht und zu Boden fällt.“

Zwischen der Klammer, die beschreibt, was Sterben und Tod (für Knausgård) bedeuten, finden sich Episoden aus dem Leben des Autors als Sohn, als Gymnasiast, als Bruder, als Ehemann von Tonje, Episoden also hauptäschlich aus seiner Zeit in und um Kristianssand im Süden Norwegens. Wir lesen aber auch Reflexionen über das Schreiben, das Lesen, das Wissen, die uns den Autor näher bringen und schon in diesem ersten Band deutlich machen, dass wir buchstäblich ein Lebenswerk vor uns haben, ein Gesamtkunstwerk im literarischen Sinn.
Wenn Knausgård notiert:
Schreiben heisst, das Existierende aus dem Schatten dessen zu ziehen, was wir wissen. Darum geht es beim Schreiben. Nicht, was dort geschieht, sondern es geht um das Dort an sich. Dort ist der Ort und das Ziel des Schreibens“,

dann verstehen wir, warum er sich dem widmet, was da existiert: seinem Leben und damit den Menschen, die darin vorkommen. „Jahrelang hatte ich versucht, über meinen Vater zu schreiben, es aber nie geschafft, wahrscheinlich, weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen liess, die doch Voraussetzung für Literatur ist. Das ist ihr einziges Gesetz: Alle muss sich der Form unterordnen.“

Jetzt, 2005, sieben Jahr nach Vaters Tod, ist es soweit. Knausgård hat die notwendige Distanz zum Lebensprozess, der immer auch ein Sterbeprozess ist, gefunden. Er vermag ihn einzugiessen in eine Form, die dem Inhalt den Schrecken, das Entsetzliche, das Schmerzliche lässt, dem Unsagbaren jedoch Gestalt gibt und – uns die Angst vor dem Tod zu nehmen vermag.