Der norwegische Autor

Der norwegische Autor
Quelle: http://bit.ly/1kaDaSM

Freitag, 31. Januar 2014

Im Fiktionalen verloren

Gegen Ende des zweiten Bandes des Lebensromans von Karl Ove Knausgård, Lieben, berichtet er von einem Ausflug nach der südnorwegischen Stadt Kristiansand, in deren Nähe er einige Jahre seiner Jugendzeit verbracht hatte; hier soll er lesen und einen Vortrag über seine beiden bisher publizierten Bücher halten. Nach der Ankunft setzt er sich in ein Kaffee und denkt über das nach, was er später sagen will. Diesen Gedanken folgen weitere über sein Verhältnis zur Literatur:
„In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. (...) Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. Wohin man sich auch wandte, überall sah man Fiktionen.“
Was bleibt ihm als Schriftsteller angesichts dieser Situation? Knausgård weiss:
„Ich konnte darin nicht schreiben, es ging nicht, jeder einzelne Satz begegnete dem Gedanken: Das ist doch nur etwas, das du dir ausdenkst. Das ist wertlos. Das Erfundene hat keinen Wert, das Dokumentarische hat keinen Wert.“
Und jetzt kommt eine kapitale Erkenntnis, welche in einem gewissen Sinn erklärt, weshalb Knausgård seinen eigenen Lebenskampf beschreiben muss:
„Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres der Literatur, in denen es nicht um eine Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte. Was ist ein Kunstwerk, wenn nicht der Blick eines anderen Menschen?“

Und als er nach zwei Tagen wieder zuhause ist, beginnt er – folgerichtig – mit der Redaktion der ersten Notizen von dem, was wir jetzt als durchkomponiertes sechsbändiges Opus lesen können:
„Im Fenster vor mir sehe ich vage den Widerschein meines Gesichts. (...)“
Wir kennen jetzt also ein wesentliches Motiv. Knausgård schreibt seinen mehrteiligen Roman jedoch auch noch aus der Idee heraus, nämlich der, seinem „Leben so nahe zu kommen wie möglich.“ Dieser „innerste Kern menschlicher Existenz“, zu dem er sich – wie früher beschrieben – bewegen will, das ist letztendlich der Kern seines eigenen Lebens. Dass er sich kurz nach Beginn dieses neuen Romans das Schlüsselbein bricht beim Fussballspiel, macht vielleicht auch äusserlich deutlich, wie enorm wichtig dieser schöpferische Augenblick der Findung seines neuen Romanstoffs ist. 

Donnerstag, 16. Januar 2014

Der Wahnsinn der Normalität

In der NZZ von heute steht ein Artikel des Psychologen Allan Guggenbühl über Kinder, Lernen, Unterricht und Lehrpersonen. Daraus sei ein Abschnitt zitiert:
„Die amerikanische Psychologin Joan Lucariello untersuchte die Spontanrede von Schülern. Was erzählen sie freiwillig und unaufgefordert ihren Eltern und Lehrpersonen? Der Befund war eindeutig: Es handelt sich vor allem um Ereignisse und Themen ausserhalb des normalen Tagesablaufs: Verrücktheiten, Überraschungen, Anstössiges oder Gewalt. Der Normalität wurde keine grosse Aufmerksamkeit geschenkt, Normalität war langweilig. Es gibt einen entwicklungspsychologischen Grund dafür: Das Denken wird geschärft, wenn man sich mit Unerklärlichem befasst. Wissen jenseits des Bildungskanons macht wach und aufmerksam. Aus diesem Grund schauen auch wir Erwachsenen uns die «Tagesschau» an: Reguläre Ereignisse würden die Einschaltquoten auf null sinken lassen.“

Kursiv gesetzt habe ich die Stelle, bei der mir spontan Knausgårds neueste Werke in den Sinn gekommen sind, denn er macht ja nichts anderes, als seine Lebensnormalität zu beschreiben: vom Einkauf in der Bäckerei über das Rauchen auf dem Balkon bis zum Wechseln von Vanjas Windeln lesen wir einfach, wie er sein Leben erlebt, darüber nachdenkt und es in Sprache fasst. Aber diese Normalität ist von einer derartigen Intensität und spannender als ein guter Roman, dass man glatt an Guggenbühls Diktum zu zweifeln beginnt – bis man sich fragt: Gilt dieses nur für den schulischen Unterricht? Nehmen wir gerade deshalb so lebhaft Anteil an Knausgårds Lebenskampf, weil er durch und durch normal erscheint und mich mitzumeinen scheint? Oder ist es die Sprache des Norwegers (respektive des Übersetzers), die uns derart packt und mitreisst? Oder ist es die Organisation des Textes, welche die Schnitte an den haargenau richtigen Stellen setzt? Was, genau, erklärt den phänomenalen Erfolg dieser sechs Bücher von Karl Ove Knausgård über Karl Ove Knausgård und sein Leben? Dass die Normalität eine Färbung von Wahnsinn haben kann (frei nach dem Befund des Psychoanalytikers Arno Gruen) und manchmal das - auch - zeigt, was bei Sophokles schon geschrieben steht: "Ungeheuer ist viel und nichts / Ungeheurer als der Mensch"? 
Oder wird uns beim Lesen einfach wieder bewusst, dass jedes einzelne Menschenleben im Grunde "ein Wahnsinn" und alles andere als "normal" ist , nämlich einzigartig, unvergleichlich und kostbar - selbst wenn viele von uns Windeln wechseln, auf dem Balkon rauchen und beim Bäcker einkaufen?

Mittwoch, 8. Januar 2014

Vom unbedingten Leben

"Nachdem wir uns getrennt hatten und ich ... zu meiner Bleibe auf dem Mariaberg hinaufstapfte, wurden mir zwei Dinge klar.
Erstens, dass ich sie möglichst schnell wiedersehen wollte.
Zweitens, dass ich in das, was ich an diesem Abend gesehen hatte, hineinkommen musste. Nichts anderes war gut genug, nichts anderes ging. Nur dorthin, zum Wesentlichsten, zum innersten Kern menschlicher Existenz würde ich mich bewegen. Wenn dies vierzig Jahre dauerte, dann dauerte es eben vierzig Jahre. Aber das Ziel durfte ich nie aus den Augen verlieren, nie vergessen, dorthin wollte ich.
Dorthin, dorthin, dorthin.“
Karl Ove Knausgård ist von Bergen nach Stockholm gezogen. Zwei Menschen kennt er dort: seinen Freund Geir und eine Kollegin, die Lyrik schreibt und in die er vor wenigen Jahren verliebt war: Linda. Diese drei gehen eines Abends gemeinsam ins Theater, wo Ingmar Bergman die Gespenster von Ibsen inszeniert hat. Wie in Trance verlassen sie nach der Vorstellung das Theater, und auf dem Heimweg wird Knausgård klar, was ich eingangs zitiert habe. (Mit „sie“ ist Linda gemeint, in die er sich wieder verliebt hat.)
Es könnte sein, dass dem Autor in diesem existentiellen Augenblick innerer Klarheit das deutlich wird, was ihn vermutlich schon immer angetrieben hat zu schreiben – und so zu schreiben, wie er seither schreibt: als stünde sein Leben auf dem Spiel. Sein Leben steht effektiv auf dem Spiel, nicht mehr, nicht weniger – diesen Eindruck hat, wer sich erlaubt, sich in seine Romane zu vertiefen und sich mitnehmen zu lassen auf die darin ausgebreitete Lebens- und Denkreise. Denn das Schreiben ist für Knausgård der einzige Weg, wie es scheint, um „zum Wesentlichsten, zum innersten Kern menschlicher Existenz“ vorzudringen.

Vielleicht ist es gerade diese seine Kompromisslosigkeit, welche uns fasziniert über Tausende von Seiten bei der Lektüre hält, dieser unbedingte Wille, der ihn alles andere dem Schreiben unterordnen lässt – das also, was ihn der Originalausgabe den Titel hat geben lassen: Min kamp?

Samstag, 4. Januar 2014

Warum Knausgårds Lebensbuch ein wahres Kunstwerk ist

"Es ist bekanntermassen unmöglich, Kunst zu definieren. Aber sagen wir es so: Wenn ich einem Kunstwerk begegne, dann möchte ich von ihm beglückt, erschreckt, erkannt, provoziert, hinterfragt, in irgend einer Weise affiziert werden. ... Ein Werk braucht einen gewissen Grad von Notwendigkeit, an ästhetischer Präsenz." 
Das sagt der Historiker Philipp Blom in einem Gespräch im heutigen MAGAZIN.
Und genau das alles trifft auf die Texte von Knausgård zu. Man liest sein Leben, wie er es aufgeschrieben hat: seine Erfahrungen, Gefühle, Erinnerungen, Beschreibungen, Gedanken, Reflexionen - und fühlt sich direkt angesprochen, herausgefordert, mitgemeint, vermutlich weil man "in irgendeiner Weise affiziert" wurde von dem, was man liest, und nur schwer noch davon loskommt. Auch wenn diese 4000 Seiten mich nichts angehen, gehen sie mich etwas an -

Donnerstag, 2. Januar 2014

"Worin bestand das Problem?"

Es ist der 2. Januar 2014. Man spürt es an der Stille: Ein neues Jahr hat eben begonnen. Vor meinem Fenster liegt ruhig der Fluss, über ihm ein grauer, eintöniger Himmel. Es regnet leicht, ich lese im zweiten Band des immensen (und inzwischen mit dem sechsten Band abgeschlossenen) Projekts des norwegischen Autors Karl Ove Knausgård: Lieben
Der Autor beschreibt sein eigenes Leben, nichts anderes als das, detailgenau, „wahr“. Die auftretenden Personen sind keine literarischen Figuren, es sind die realen Menschen, denen er begegnet. Wenn er von seiner Familie schreibt, tragen die Kinder und seine Frau die wirklichen Namen; wenn er sich aufregt über das Gebaren des Leiters der Kindertagesstätte, wird dieser sich bei der Lektüre wieder erkennen als der, der er in den Augen des Autors in jenem Moment gewesen ist. Knausgård unternimmt also den selben Versuch wie Jean-Jacques Rousseau seinerzeit mit den Confessions, geschrieben zw. 1765 und 1770, deren Anfang lautet:
„Je forme une entreprise qui n'eut jamais d'exemple, et dont l'exécution n'aura point d'imitateur. Je veux montrer à mes semblables un homme dans toute la vérité de la nature ; et cet homme, ce sera moi.Moi seul. Je sens mon coeur, et je connais les hommes. Je ne suis fait comme aucun de ceux que j'ai vus ; j'ose croire n'être fait comme aucun de ceux qui existent. Si je ne vaux pas mieux, au moins je suis autre. Si la nature a bien ou mal fait de briser le moule dans lequel elle m'a jeté, c'est ce dont on ne peut juger qu'après m'avoir lu.Que la trompette du jugement dernier sonne quand elle voudra, je viendrai, ce livre à la main, me présenter devant le souverain juge. Je dirai hautement : Voilà ce que j'ai fait, ce que j'ai pensé, ce que je fus.“
(In der Übersetzung: „Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders. Ob die Natur recht oder unrecht gethan hat, die Form, in der sie mich gegossen, zu zerbrechen, darüber wird man sich erst ein Urtheil bilden können, wenn man mich gelesen hat.Möge die Posaune des jüngsten Gerichtes ertönen, wann sie will, ich werde mit diesem Buche in der Hand vor dem Richterstuhle des Allmächtigen erscheinen. Ich werde laut sagen: Hier ist, was ich gethan, was ich gedacht, was ich gewesen.“)
Wie Augustin, wie Rousseau, wie Proust breitet jetzt wieder einer – auf beinahe 4000 Seiten – sein Leben aus, unliterarisch, ungeschminkt; „geschönt“, wenn man so will, nur durch die phänomenale Sprache, die diesem Leben (Knausgård gibt seinem mehrbändigen Werk den Titel Mein Kampf!) gewachsen ist und uns Lesende mitreisst in die Hölle des alltäglichen Überlebenskampfs seines Autors. Natürlich bleibt auch ein solcher Bekenntnistext ein Roman (wie auf dem Cover zu lesen ist), denn auch er ordnet, strukturiert und gestaltet seinen Inhalt – sonst bliebe er dem bloss vordergründigen pornographischen Blick verpflichtet, der auch in der zeitlichen Abfolge alles und jedes zeigt, jedoch unreflektiert den nackten Tatsachen folgend. Der Autor beschreibt jedoch nicht nur, was er erlebt, sieht und empfindet; er lässt uns teilhaben an seinen Gedanken, seinen Fragen, seinen Versuchen, Antworten zu finden auf das, was ihn immer wieder und immer neu umtreibt.
Viele, die diese(n) Roman(e) gelesen haben, haben gerade wegen dieser Klarheit des Textes, Knausgårds Bemühen um absolute Ehrlichkeit, ein Problem.

Ich hingegen bin vorerst einfach nur begeistert (weshalb genau, weiss ich noch nicht) und versuche, ihm zu folgen.