Der norwegische Autor

Der norwegische Autor
Quelle: http://bit.ly/1kaDaSM

Sonntag, 5. August 2018

Karl Ove Knausgård und seine «Jahreszeiten-Tetralogie»

Zu den letzthin erschienenen vier Bänden, die KOK für seine vier Kinder verfasst hat, findet sich eine kritische und sehr ausführliche Besprechung von Franz Haas in der NZZ  - hilfreiche Links! 
Vorspann:
"Wenn man sich in die Betrachtung der Jahreszeiten versenkt, denkt man, müsste man doch in den Dingen aufgehen und sich von seiner eigenen Person lösen können. Der norwegische Erfolgsautor Karl Ove Knausgård aber kann das Egozentrische auch in seiner «Jahreszeiten-Tetralogie» nicht lassen."

Dienstag, 15. Mai 2018

Kämpfen

Es ist 07:07 Uhr, und der Roman ist endlich fertig. In zwei Stunden kommt Linda, dann werde ich sie umarmen und sagen, dass ich fertig bin und ihr und unseren Kindern nie wieder so etwas antun werde.“ Dieser Roman ist einer der bedeutendsten des 21. Jahrhunderts, verfasst innert dreieinhalb Jahren. Sein Umfang: rund 4‘600 Seiten. Sein Autor: der heute 49-jährige Norweger Karl Ove Knausgård. Vor ein paar Monaten ist der abschliessende sechste Band „Kämpfen“ auf Deutsch erschienen, übertragen von Paul Berf und Ulrich Sonnenberg. Das Insgesamt: ein Meisterwerk.

Dieser letzte Band nimmt im Ganzen dieses autobiografischen Romanprojekts aus verschiedenen Gründen eine Sonderstellung ein: Er übertrifft die fünf vorausgehenden Bände mit rund 1270 Seiten bei Weitem, er ist gegliedert in drei inhaltlich verschiedene Teile, und er wechselt im umfangreichsten Mittelteil vollends die Ebene: Berichtet der Autor im ersten und dritten Teil noch, wie es ihm vor Erscheinen des ersten Bandes im Herbst 2009 respektive vor dem Erscheinen des zweiten Bandes kurz darauf ergangen ist, reflektiert er im Mittelteil unter dem Titel „Der Name und die Zahl“ über die Macht von Namen und die Bedeutung der Namenlosigkeit, den Zusammenhang von Krieg und Kunst, interpretiert aufs Wundervollste das Celan-Gedicht „Engführung“ und Texte aus dem Alten Testament, schreibt über Bilder von Leonardo und Turner und wagt sich an den Tabutext der Moderne par excellence: Hitlers „Mein Kampf“. Aber der Reihe nach.

Der erste Band des auf sechs Bände angelegten Romanwerks soll im Herbst 2009 in Norwegen erscheinen. Knausgård hat das Manuskript allen darin vorkommenden Personen, die mit ihren richtigen Namen genannt werden, zur Vorauslektüre geschickt. Sein Bruder Yngve reagiert positiv, sein Onkel Gunnar, der Bruder des Vaters, jedoch ausserordentlich negativ. Er nennt das, was Knausgård über seinen Vater und sein Verhältnis zu ihm schreibt, „verbale Vergewaltigung“ und droht ihm rechtliche Schritte an, wenn er die Lügen, wie er schreibt, nicht berichtige und die Klarnamen nicht anonymisiere. Mit diesen Drohungen bringt er Knausgård dazu, sich ein weiteres Mal Rechenschaft zu geben über sein Vorhaben, das zwei Auslöser hatte: Den Tod seines Vaters 1998 und seine Skepsis gegenüber der Literatur grundsätzlich: „In den letzten Jahren hatte ich mehr und mehr den Glauben an die Literatur verloren. (...) Vielleicht lag es daran, dass wir vollkommen vereinnahmt wurden von Fiktionen und Erzählungen, dass sie inflationär auftraten. (…) „Das Einzige, worin ich einen Wert erblickte, was weiterhin Sinn produzierte, waren Tagebücher und Essays, die Genres der Literatur, in denen es nicht um eine Erzählung ging, die von nichts handelten, sondern nur aus einer Stimme bestanden, der Stimme der eigenen Persönlichkeit, einem Leben, einem Gesicht, einem Blick, dem man begegnen konnte.“ Aus diesem Grund hat er begonnen, sein eigenes Leben aufzuschreiben, denn dieses ist der Wirklichkeit geschuldet und so wahr, wie ein autobiografischer Roman nur sein kann. – In diesem ersten Teil erleben wir mit, wie Knausgård mit sich ringt, sich fragt, ob und wie sehr er den vorkommenden Menschen allenfalls Unrecht tue und warum er unbedingt auf dem Text in der vorliegenden Form bestehe. Und er hat Angst vor dem nächsten Schritt, der sein quälendes Dilemma noch vertiefen wird: Seiner Frau Linda das Manuskript des zweiten Bandes zu lesen zu geben, wo sie und ihre Beziehung mit ihm im Zentrum stehen.

Im dritten Teil ist es dann soweit: Linda liest dieses Manuskript. „Als ich es geschrieben hatte, hatte ich nichts zu verlieren gehabt, als sie es lesen sollte, hatte ich plötzlich alles zu verlieren. (…) Angst und Schuld stauten sich in meiner Brust wie Wasser an einem Damm.“ Effektiv erleidet sie einen Zusammenbruch, fällt in eine Depression und muss in die Klinik. Die beiden überstehen jedoch auch diese immens schwierige Zeit und kaufen sich ein Haus auf dem Land; man denkt: Ein symbolischer Akt, der auch jedem Trivialroman gut anstünde, nur ist er hier wirklich und wahr. Es wird jetzt auch klar, weshalb Knausgård den als langen Essay gestalteten Mittelteil in die Leidensgeschichte des Autors und seiner Familie rund um die Publikation der fünf Bände eingeschoben hat: Man erkennt, dass der erste Teil vor Lindas Lektüre des für sie schmerzhaften Manuskripts spielt, der dritte nachher. Dieses Arrangement verleiht diesem Akt der Lektüre seine ganze Bedeutungsschwere, umso mehr, als der Mittelteil etwas ganz Unerwartetes tut: Knausgård liest und kommentiert vor unseren Augen Hitlers „Mein Kampf“ – einmal, weil er schlicht das Werk kennenlernen will, dessen Titel auch er seinem Roman geben will, aber auch, weil dieser Text rätselhafterweise im Nachlass seiner Grossmutter zum Vorschein kommt nebst einer Nazi-Anstecknadel, die sein Vater besessen haben muss. Zudem fragt er sich: „Das Verlockende am Tod, am Untergang, an der völligen Zerstörung, worin bestand es?“
Knausgård hat sich sehr kundig gemacht zu dieser Zeitepoche, stellt zum Beispiel der Sicht des Hitler-Biografen Ian Kershaw seine sehr kritische eigene gegenüber (die, wie Alice Miller in ihrem Aufsatz über den jungen Adolf Hitler, sich einzufühlen versucht in das geschlagene Kind), stellt einen Zusammenhang her zur biblischen Geschichte von Kain und Abel, um schliesslich, nach eindringlichen Gedanken zum Holocaust und zum Massaker von Utøya, zu finden, „dass alle Menschen den gleichen Wert haben. (…) Hitler ist unser Gegenentwurf. Aber das gilt für das, was er tat, nicht für den Menschen, der er war. Darin war er wie wir. (…) Er darf nicht dafür verurteilt werden, wer er war, sondern dafür, was er tat.“ Ein mutiger, ein sehr reflektierter, ein inspirierender Text!

Es kann nicht genug wiederholt werden, wie ausserordentlich gelungen der 6-bändige Gesamtkomplex dieses autobiografischen Romans ist. Zwar erzählt er in der Summe nur ein Leben bis 40, ist aber ein wunderbar gearbeiteter Beleg für das, was Karl Ove Knausgård in seiner Dankrede aus Anlass der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für europäische Literatur 2017 gesagt hat: „Die Literatur formt uns nicht, aber sie gibt dem in uns und in unserer Welt eine Sprache, was ansonsten sprachlos und für uns unsichtbar geblieben wäre. Wenn das Leben wie ein Gang ist, sind die Bücher wie Fenster, die uns bei zunehmender Dunkelheit zu Spiegeln werden.“

Karl Ove Knausgård, Kämpfen. Luchterhand 2017

Montag, 20. Juni 2016

Karl Ove Knausgård über James Joyce

Gemälde von Jeffrey Morgan / Foto: INTERFOTO
Ein glänzend geschriebener Beitrag gibt Auskunft über Karl Ove Knausgårds Faszination für diesen irischen Autor und bietet uns seinen Interpretationsansatz für dessen frühes Werk "Ein Porträt des Künstlers als junger Mann".

Montag, 21. Dezember 2015

Neue Gedanken von KOK

Einer, zum Beispiel, ist in diesem Gespräch zu lesen:
"Ironically, the only way I can feel present, feel that I belong, is through writing, which is really about turning away from the world."
Erstaunlich auch diese Aussage: "My Struggle is kind of a midlife-crisis novel, isn’t it?"
Über den Ausgangspunkt literarischen Schreibens merkt KOK dies an: 
"All literature is written from the feeling of not quite being in the right place, isn’t it? It’s in that dynamic, that tension, that things happen."
Weitere Interviews aus den letzten Monaten:
Dieses in der ZEIT, und dieses in der SZ.

Montag, 12. Oktober 2015

TRÄUMEN - Der Autor im Interview anlässlich des Erscheinens des 5. Bandes seines Werks "Min Kamp"

Karl Ove Knausgård wohnt in einem Dorf und bringt seine Kinder jeden Morgen nach Ystad zur Schule. Ausgerechnet das schwedische Hafenstädtchen, dank Henning Mankell zur Hauptstadt des Verbrechens avanciert, ist für den 46-jährigen norwegischen Autor eine Oase der Ruhe – und willkommener Kontrast zu dem Wirbel, den er in der internationalen Literaturszene ausgelöst hat. Auf Deutsch erscheint nun «Träumen», der fünfte Band seines autobiografischen Romanzyklus «Min kamp» («Mein Kampf»). Darin erzählt Knausgård von seiner Studienzeit, seinen schriftstellerischen Anfängen – ein radikales Selbstporträt des Künstlers als sehr junger, sehr verlorener Mann. Zwischen zwei Zigarettenzügen spricht Knausgård über sein Leben und sein Schreiben. 

In den letzten zwei Jahren sind Sie zu einem internationalen Literaturstar geworden. Was ändert sich dadurch? 

Es war zunächst ein Schock: Massen von Zuhörern, lange Schlangen, das hat mir Angst gemacht. Das Interesse ist natürlich toll, aber es ist auch eine Bedrohung für meine zentrale Tätigkeit: das Schreiben. 
Sie haben neuerdings einen Agenten – als Filter? 
Ja, am Anfang habe ich sogar Journalisten bei mir zu Hause übernachten lassen. Jetzt wäre das unmöglich. Es ist anstrengend, so vielen Leuten abzusagen, etwa den Verlegern in kleineren Sprachen, die grossen Einsatz zeigen. Aber dann sind da die grossen Buchmärkte in den USA, in Grossbritannien und Deutschland. Manchmal fühle ich mich wie ein kommerzieller Autor, eine Schriftsteller-Hure. Darüber werde ich vielleicht später einmal schreiben. 
Warum nicht gleich? 
Man braucht zehn Jahre, um etwas so zu verdauen, dass man darüber schreiben kann. 
Ihr Schreibprojekt ist aussergewöhnlich. Tausende Seiten in dieser radikalen, selbstentblössenden Weise über sich selbst zu schreiben, das ist selbst eine gute Story. 
Ein Journalist hat die These entwickelt, dass ich eine Art Rockphänomen sei, eine Art Emblem zu meinen Büchern, wie eine Band. Aber das Entscheidende ist natürlich, dass Menschen ein ganz persönliches Verhältnis zu meinen Büchern entwickeln, sich ihnen regelrecht verbunden fühlen. 
Viele Kritiker aus Ihrer Generation haben fast eine Fan-Beziehung zu Ihren Büchern, vergleichbar der Popliteratur. Man erkennt darin so viele Details aus dem eigenen Leben wieder: Nicht nur die grossen Themen – Krise, Liebe, Beziehungen –, sondern auch Details, bestimmte Bands, die man selbst als Jugendlicher gehört hat. 
Ich habe meine Erfahrungen für sehr speziell gehalten. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das in anderen Kleinstädten in anderen Ländern genauso sein könnte. Der Gedanke kam mir gar nicht. Und nur so konnte ich das überhaupt aufschreiben; ich habe nicht bewusst darüber nachgedacht. 
Im neuen Band «Träumen» sagt eine Studienfreundin: «Ich will nur eines werden, eine Legende.» Es sei ihr egal, auf welchem Gebiet. 
Ich sehe solche Träume bei meinen Töchtern, die sind elf und fast zehn. Sie möchten berühmt werden, sie wollen singen und auftreten. Und ich versuche ihnen zu erklären, dass es darum im Leben nicht geht. Sie verstehen das nicht, sie wollen es so sehr. Es ist ein kindliches Bedürfnis, aber es ist auch ein Wesenszug unserer Zeit, der sehr viel Unglücklichsein erzeugt. 
Ist es nicht menschlich? 
Meine Grosseltern etwa wollten auf keinerlei Weise berühmt sein. Sie betrachteten auch das Leben anderer Leute nicht so, wie wir das heute tun. Wir sehen Erfolg überall und wollen auch welchen. 
Wann hat sich das geändert? 
In Norwegen war das die amerikanische Fernsehserie «Fame», nach dem gleichnamigen Film. Das war ein Vorbote der wachsenden Kommerzialisierung unserer Kultur. Ich schätze eigentlich die Werte, die es vorher gab, und würde sie gern an die nächste Generation weitergeben. 
Sie sind nicht gerade ein gutes Vorbild. Ihre Töchter wissen doch bestimmt, dass Sie berühmt sind. 
Nein. Sie vermuten es höchstens. Ich versuche, es von ihnen so weit wie möglich fernzuhalten.
Gegen die sozialen Netzwerke kommen Sie aber kaum an. 
Ich benutze weder Facebook noch Twitter. 
Ihre Töchter werden das tun. Kontrollieren Sie das? 
Das habe ich aufgegeben. Ernst Jünger hätte gesagt, dass jede Generation den Schlüssel zu ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Zukunft in der Hand hat. Ich kann nicht wirklich verstehen, warum es kein stärkeres Verlangen nach Authentizität in unserer Kultur gibt. 
Der letzte Band von «Min kamp» erschien 2011. Sind Sie im Reinen mit sich? 
Es ist paradox: Ich habe 3000 Seiten über mein inneres Selbst geschrieben. Meine Bücher handeln vom Scheitern und von mangelndem Selbstvertrauen. Von einem Leben, das von aussen gut aussieht und tatsächlich voller Probleme steckt. Was im Buch ist, ist wirklich. Der Erfolg bewirkt nicht, dass ich mich besser fühle. 
Jetzt denkt jeder, der Sie trifft, dass er alles über Sie weiss, die tiefsten Geheimnisse. 
Das Buch wurde genau gegen die Haltung geschrieben, irgendjemandem etwas zu zeigen. Das Ziel war, von so etwas frei zu sein und das Risiko einzugehen, als Narr zu erscheinen. Das Buch handelt davon, wie man ist, wenn niemand zuschaut. Alles, was man verbergen wollte, etwa zu masturbieren (oder noch nie masturbiert zu haben), alle Geheimnisse werden offenbart. 
Kommt da auch Scham auf? 
Nein, es aufzuschreiben, war eine Erleichterung. Dennoch war es risikoreich. Niemand wusste, ob das funktioniert. Aber die einzige Möglichkeit, so etwas zu tun, ist in der Literatur. Es ist in erster Linie ein Authentizitätsprojekt. 
In «Träumen» geht es um Ihre Anfänge als Autor. Der junge Karl Ove liest sich durch die Weltliteratur, autobiografische Klassiker wie Rousseaus «Bekenntnisse» oder Sartres «Wörter» spielen aber keine Rolle. Dafür Thomas Mann. Haben Sie damals die falschen Bücher gelesen? 
Ja, das mag sein. In den Achtzigern wurde einem eingebläut, dass Literatur und Leben nichts miteinander zu tun haben. Die bekenntnishafte oder einfach realistische Literatur, die ich machen wollte – als junger Mann einfach über sich selbst schreiben –, das passte mit französischem Strukturalismus oder Poststrukturalismus einfach nicht zusammen. Vordergründig geht es in «Träumen» um Partys, Besäufnisse, Mädchengeschichten. Es scheint überhaupt keine Form zu haben. 
Ich folgte beim Schreiben tatsächlich keinem Plan. Es gibt eine grobe chronologische Einteilung der Bände, aber ihre innere Struktur ist ziemlich zufällig. Ich wollte, dass der Ton der einzelnen Bände unterschiedlich ist.«Träumen» sollte eben das Buch sein, das ich mit zwanzig schreiben wollte. Das habe ich in acht Wochen runtergeschrieben, wie manisch, zwanzig Seiten am Tag. 
Sie berichteten über heftige Reaktionen von früheren Freunden oder Verwandten, die in «Mein Kampf» vorkommen. Sind die mittlerweile stolz, in einem Werk der Weltliteratur zu stehen? 
Nein, der Erfolg ist für sie eher ein weiteres Ärgernis, eine ständige Erinnerung an die Schmach. Beim Schreiben habe ich an so etwas überhaupt nicht gedacht. Das Buch gehörte allein mir. Erst später habe ich gemerkt, wie viel Zorn und Gefühle dadurch ausgelöst wurden. Aber niemand ging vor Gericht. Nein, ich glaube, davon wurde ihnen abgeraten. Sie hätten wohl keine Aussicht auf Erfolg gehabt. Alles wurde vorher von Anwälten gelesen, jedes einzelne Wort, und wenn sie mir rieten, es zu ändern, hab ich es geändert. Ich wollte nicht, dass das Buch zum Skandal wird. 
Sie wollten niemanden verletzen? 
Ich konnte das Buch nicht schreiben, ohne jemanden zu verletzen. Aber ich habe es nicht auf die Spitze getrieben. Die Grenze zwischen Persönlichkeitsschutz und Meinungsfreiheit hat mich sehr beschäftigt, bis heute. 
Also hat die Kunstfreiheit Grenzen? 
Natürlich bin ich auf der Seite der freedom of speech. Im privaten Bereich ist allerdings alles viel komplizierter. Das darf nicht dem Autor selbst überlassen werden, hier muss es Regeln geben. 
Was war Ihre Regel? 
Die lautete: Wenn ich es tun kann, ist es okay. Wenn ich es körperlich nicht über mich bringe, dann nicht. Wenn jemand seelisch verletzt wird, dann ist das nicht das Ende der Welt. Wenn sich jemand wegen des Buches umgebracht hätte, wäre alles sofort anders. Es war ein Experiment über die Grenzen zwischen Literatur und Leben. 
Und was kommt jetzt? 
Ich schreibe gerade an kurzen Stücken, von denen der erste Teil jetzt in Norwegen erscheint. Es ist genau das Gegenteil von «Mein Kampf», ein extrem konzentriertes Projekt. Die besten Texte darin handeln von völlig unbedeutenden Dingen. Gestern habe ich über Q-tips geschrieben. 
Über Wattestäbchen? 
Ja. Es geht auch darum, einen Raum zu schaffen, in dem etwas überhaupt erst Bedeutung bekommt. Wenn man darüber schreibt, wird es etwas bedeuten. 
Wollten Sie nicht mit dem Schreiben aufhören? An den Punkt kommen, «wo es nichts mehr zu erzählen gibt»? 
Was ich jetzt mache, ist nicht wirklich fiction. Es ist die Beschreibung der Welt, von Dingen, die uns umgeben, und meiner Beziehung zu ihnen. Es beginnt mit einem Brief an meine kleine Tochter, die noch nicht geboren war. Es ist ein bisschen wie die gesamten langweiligen Stellen aus «Mein Kampf». Es ist eine Herausforderung. 
Wann schreiben Sie? 
Ich stehe früh auf, um vier oder fünf, dann habe ich bis sieben einen Text fertig. Dann sind die Kinder dran und dann noch ein Text. 
Was wird in zwanzig Jahren sein? Können Sie sich vorstellen, zum Stoff von «Mein Kampf» zurückzukehren?
 Was ich vielleicht tun könnte, ist eine einzige Szene herauszugreifen und darüber einen ganzen Roman zu schreiben. Es ist für mich wichtig, dass das Schreiben ein Suchen ist. Es muss ein Experiment sein. 
Wie steht es mit dem Schreibstil? 
Der Stil von «Mein Kampf» gibt mir nichts mehr. Er ist tot für mich.

(Quelle: http://www.sonntagszeitung.ch/read/sz_11_10_2015/kultur/Jedes-Wort-wurde-von-den-Anwaelten-geprueft-45121)

Samstag, 13. Juni 2015

Anders Behring Breivik oder Der Wahnsinn der Normalität

Oslo Juli 2011
Karl Ove Knausgård schreibt in einem Artikel des Newyorker vom 25. Mai 2015 über Anders Behring Breivik, den fürchterlichen norwegischen Attentäter vom 22. Juli 2011. Er sieht ihn als ganz normalen Menschen: 
„Until his moment of decision, Breivik appears to have been an ordinary person, the kind you might meet anywhere. He had a difficult upbringing, to be sure, but that is more common than one might think; he had yet to find his place in life, he was not who he wanted to be, but that is also a relatively common experience. His great inner conflicts were something that he kept secret, even from himself. It was only when he carried out a terrorist attack that he stood out. When I read about him, I can follow him up to that point, my empathy stretches that far, but it goes no further.“

Und er fragt sich:
„What does it take to kill another person? Or, to put it another way, what is it that prevents us from killing?“

Nach einer Betrachtung auch aktuellster kriegerischer Ereignisse (Irak, Syrien, IS) kommt er zum Schluss:
„Killing another person requires a tremendous amount of distance, and the space that makes such distance possible has appeared in the midst of our culture. It has appeared among us, and it exists here, now.“

Was macht den Menschen aus?
„The most powerful human forces are found in the meeting of the face and the gaze. Only there do we exist for one another. In the gaze of the other, we become, and in our own gaze others become. It is there, too, that we can be destroyed. Being unseen is devastating, and so is not seeing.Breivik remained unseen, and it destroyed him.“

Anders Behring Breivik verkörpert das, was der bekannte Psychoanalytiker Arno Gruen als Wahnsinn der Normalität bezeichnet in seinem gleichnamigen Buch. Darin steht zu lesen: „Während jene als verrückt gelten, die den Verlust der menschlichen Werte nicht mehr ertragen, wird oft denen Normalität bescheinigt, die sich von ihren menschlichen Wurzeln getrennt haben.“

Was Karl Ove Knausgård letztlich bewegt, ist die Tatsache: Breivik ist „One of Us“. Dass niemand von uns davor gefeit ist, „böse“ zu werden, darauf haben bereits andere hingewiesen; zum Beispiel Wolfgang Sofsky oder Harald Welzer (Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden, 2005). Berühmt geworden ist auch die Banalität des Bösen, die Hannah Arendt in ihrem Buch Eichmann in Jerusalem beschreibt.

Was also bewahrt uns davor, wie Breivik zu werden?
Das ist die Frage, an die uns Knausgårds Artikel erinnert.

Hier ist der Artikel am 22.7.2015 auf Deutsch erschienen.



Donnerstag, 13. November 2014

Das Phänomen Karl Ove Knausgård

Das Schweizer Fernsehen widmet diesem Autor immerhin eine ganze halbe Stunde Sendezeit - innerhalb des Gefässes "Kulturplatz" von SRF vernimmt man dies und jenes über diesen Autor.
Hier die Übersicht.
Und hier Hinweise zu weiteren Sendungen, Interviews und Besprechungen.

Die erwähnte Sendung selber bette ich hier ein.
Viel Vergnügen bei der Begegnung mit diesem sehr sympathischen, sehr bescheidenen und sehr gut aussehenden Autor.